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Die Kunst, die aus der Kälte kommt

Pechschwarz und matt glänzend, aus schwerem Stein, halb Fisch und halb Eisbär, beschwört der Schamane die Jagdgeister – eine Skulptur der kanadischen Inuit. Obwohl aus kaltem Stein, wirkt die Figur seltsam lebendig. Liegt glatt und warm in der Hand, wo sie hochpoliert ist, und gibt sich rau an den nur grob behauenen Stellen. Inuit-Kunst weist eine erstaunliche Form- und Farbenvielfalt auf, von der braun-grünen Schnee-Eule mit mächtigen Schwingen bis zur grauen grobgemeißelten Meeresgöttin Sedna.

Eisbär in der EntstehungInuit-Künstler arbeiten ohne Skizze, nur mit einer Idee im Kopf, direkt ins Material: In den Speckstein verschiedener Färbungen und Härtegraden, aber auch in Knochen und Horn vom Karibu (dem kanadischen Rentier), in Wal- oder Walross-Knochen oder Moschusochsen-Horn, aber auch in Elfenbein vom Walross oder Narwal. Das Material beeinflusst das Motiv – die Skulptur, die nach Ansicht der Künstler "schon im Material steckt", muss nur noch herausgearbeitet werden.

 

Kanadische Inuit-Kunst ist auf Anhieb erkennbar, obwohl sich der Stil je nach Künstler und nach Region unterscheidet. Im Südwesten, wo nur sehr harter Stein vorkommt, schnitzt man eher rohe, grobgliedrige, surrealistische Figuren. Im Südosten mit seinem weicheren Stein sind die Skulpturen fein ausgearbeitet und auf Hochglanz poliert. Dort liebt man es auch, den grauen Stein mit Ruß und Robbenöl schwarz zu färben und mit Ritzdekor zu verzieren und zu gravieren. Allerdings greift man heute ersatzweise eher auf Schuhcreme zum Färben zurück. Die Künstler im Norden setzen gern andere Materialien in den Stein mit ein, Augen oder Verzierungen aus Knochen oder Walross-Elfenbein wirken wie Intarsien..

Oft zeigen Inuit-Skulpturen auch einen typischen Humor. Das Walross tanzt, der Bär dreht sich um sich selber, zwei Männer ziehen an einer Frau. Und immer sind es Szenen aus dem Leben oder der Mythologie: Menschen bei der Alltagsarbeit, Tänzer, Mütter mit Kind; arktische Tiere vom Wal bis zur Wildgans; trommelnde Schamanen oder die allgegenwärtigen Geister.

Das Schnitzen beherrschen die Inuit seit jeher, mussten sie doch als Nomadenvolk die Jagdspeere aus Walknochen und die Kochtöpfe aus Speckstein auf ihren langen Wanderungen immer wieder neu herstellen. Im arktischen Eis fanden Forscher auch geschnitzte Kämme, kleine Kultgegenstände und Spielzeug, jahrtausendealt.

Solche kleinen, leichten Stücke aus Horn, Knochen oder Walross-Elfenbein waren gut "tragbar" – ob die Familie im Sommer den Karibu-Herden hinterherzog oder im Winter per Hundeschlitten weit hinaus aufs Meereis zog, um dort im Iglu den lebenswichtigen Robben nahe zu sein.


Heute, im sesshaften Leben, ist die Kunst für die Inuit zum wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Sie ist aber auch ein elementares Ausdrucksmittel. Es gibt unter den kanadischen Inuit mehr Künstler als in jedem anderen Volk. Seit sie nicht mehr umherziehen und ihr "täglich Brot" erjagen müssen, arbeiten sie sehr viel mehr in Stein. Manche Skulpturen messen zwei bis drei Meter.

Museen und Sammler reißen sich heute um die Werke früher Künstler, zum Teil Autodidakten. Auch heute, wo einige Künstler eine regelrechte Bildhauer-Ausbildung in Kunstschulen des Südens absolvierten, hat doch der größte Teil das Schnitzen von den Eltern und Großeltern abgeschaut.

Doch nicht nur alte Werke, auch zeitgenössische Skulpturen – immer Originale mit Zertifikat – finden ihre Liebhaber rund um die Welt.
© 2010 Inuitkunst CreARTion Freia Saße - Kunst aus der Arktis